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„Funktionelles Warmup“ – oder „Das schiefe Fahrwerk von Herrn und Frau Schweizer“

Tick-Tack-Tick-Tack-Tick-Tack…..als man den Fehler bemerkte, wurde es für einen Sekundenbruchteil, welcher sich nach einer Ewigkeit anfühlte, totenstill. Ausser der Uhr im Hintergrund schien der Rest der Welt stillzustehen und der Schreck war dem Team ins Gesicht gemeisselt! Die harte Stimme des Teamleiters durchbrach die Stille abrupt: „Welcher ausgewachsener Vollidiot hat diesen Fehler produziert!?“ Dieser harsche Ton war Standard und wir wussten ihn zu nehmen. Da der Start kurz bevorstand, drängte die Zeit und hielt uns auf Trab. Wenn wir nicht starten können, würde dies wertvolle Punkteverluste bedeuten und das konnten wir uns nicht leisten.

Doch der 911er schien uns endgültig einen Strich durch die Rechnung zu machen. Bei der Ausmessung des Fahrwerks, kurz vor dem Rennen auf dem Hockenheim-Ring, stellten wir fest, dass die Spur auf der einen Seite falsch eingestellt war. Sofort wurden die nötigen Schritte eingeleitet, um die Einstellungen vorzunehmen. Es ging alles Hand in Hand, jeder wusste genau, was zu tun war, auch wenn es von aussen wohl aussah wie ein verwirrter Haufen Ameisen. In letzter Minute schafften wir es zurück auf den Asphalt und konnten am Rennen teilnehmen.

Ein unverschuldeter Crash verhinderte dann aber trotzdem einen Punkte-rang. Die eine Saison in diesem Rennteam bereicherte dennoch mein Leben nachhaltig.    

Die Spur an einem Auto sagt aus, ob beide Fronträder exakt parallel ausgerichtet und auf das restliche Fahrwerk abgestimmt sind. Sind sie das nicht, so wirken enorme Scherkräfte auf die Radlager, die Reifen und das ganze Fahrwerk wird um ein Vielfaches mehr belastet. Zudem ist die Manövrierfähigkeit nicht gewährleistet. Auf diesem Rennniveau ist es absolut unmöglich so zu starten, dies würde auch keinem Team in den Sinn kommen, da ein Unfall unvermeidlich wäre und man dafür gebüsst würde oder gar von weiteren Rennen disqualifiziert.

Ohne die erwähnte Korrektur würde es auch keiner „normalen“ Auto-Garage in den Sinn kommen, ihnen ihr Auto auszuhändigen. Man würde sie damit in eine akute Gefahrensituation bringen und könnte auch an dieser Stelle bei einem Unfall zur Rechenschaft gezogen werden. Würde die Person tödlich verunfallen, ist eine Anzeige wegen fahrlässiger Tötung unumgänglich. Es handelt sich dabei um ein Gefährdungsdelikt und wird auch ohne Anzeige geahndet.

Die „MeToo- Touch my Fahrwerk“-
Affären im Fitnessalltag

Was in der Autobranche absolut unvorstellbar scheint, wird in der Fitnessbranche tagtäglich unbewusst zugelassen; Wir schicken Kunden mit einem „schiefen Fahrwerk“ auf die Trainingsfläche und wundern uns über ausbleibende Erfolge beim Rückentraining oder provozieren gar eine Zunahme der Beschwerden.

Dabei ist es doch eine der schönsten Aufgaben des Trainers/Trainerin, dass Fahrwerk der Kundin/Kunden in Augenschein zu nehmen. Leider liegt der Fokus der Fahrwerksbetrachtung in den meisten Fällen auf anderen Gegebenheiten als jenen der funktionellen Biomechanik, um welche es in diesem Bericht geht.

Doch lassen wir das mal so stehen…in der Zeit der „MeToo-Touch my Fahrwerk“-Affären sollten solche Bemerkungen mit dem nötigen Respekt erfolgen. Zudem möchte ich nicht in den Fokus gewisser linkspopulistischer Parteien geraten, welche selbst Lieder über den sehnsüchtigen Versuch eines jungen Mannes, über die Auskunft an eine „079“ Telefonnummer zu gelangen, als sexistisch bezeichnen. Ich persönlich finde ja, dass an dieser Stelle die Wettbewerbskommission eingeschaltet werden müsste, da es sich um eine klare Bevorteilung einer Firma handelt. Zudem finde ich es erstaunlich, dass nicht auch die Firma die hinter der „079“-Nummer steckt – upssss, sorry – steht, nennen wir sie beim Namen, also die Swisscom, als sexistisch bezeichnet wird. Fragt mal einen Chinesen, wie er den Namen Swisscom ausspricht. Das klingt dann so: „SWISSCUM“. Halloooo, geht’s noch? Eine absolute Verunreinigung unserer Nation, wobei manche es sicher auch als Kompliment verstehen mögen.

Mal zurück zum Thema; „So geht der Fahrwerks-Check!“

Kommen wir zur Sache… also zum Thema, meine ich, und werden wieder etwas seriös. Die Sache mit dem Fahrwerk-Checkup muss in der MeToo-Zeitgeschichte leider ernst genommen werden. Selbst Masseuren, Ärzten und eben auch Trainern kann ein solcher Vorwurf auferlegt werden. Trotzdem müssen wir unser Handwerk ausüben. Darin ist aber immer eine gesunde Distanz und ein kompetentes „Zugreifen“ angesagt. Herr und Frau Schweizer sind heute bevorzugt in einer sitzenden Tätigkeit angestellt und bewegen sich, wie wir alle wissen, grundsätzlich zu wenig. Die andauernden Sitzpositionen, Ausweichbewegungen im Alltag und oft falsche Belastungen im Training lassen eine funktionelle Dysbalance im Hüftgelenk, an der Wirbelsäule und übrigens auch in den Organen entstehen. Selbstverständlich können auch Sporttraumata, „alte“ Unfälle oder Fehlernährung diese Dysbalance hervorbringen.

Eigentlich hoffte ich, dass wir mittlerweile etwas weiter wären. Leider hat meine Internetstudie etwas Anderes ergeben. Auch habe ich bei den zwei absolvierten Probetrainings das erlebt, was ich in den Internetrecherchen erlebt habe. Wenn von Aufwärmen geredet wird, dann werden in diesem Zusammenhang nach wie vor in erster Linie die Begriffe Herz- Kreislaufsystem, Muskulatur, Gelenkflüssigkeit oder das neurovegetatives/muskuläres System genannt, woran auch nichts falsch ist.

Es wird unter anderem aber ein ganz entscheidender Faktor weggelassen, bezeichnen wir diesen Faktor als „funktionelle Statik“. Unter funktioneller Statik können wir das verstehen, an was sich der Bewegungsapparat entsprechend den zuvor erwähnten alltäglichen Beanspruchungen anpasst.

Eine für das Training sehr entscheidende Abweichung der idealen funktionellen Statik finden wir im Bereich der LWS, welche durch den Abstand zwischen Christa iliaca (Beckenkamm) und den untersten Rippen sicht- und tastbar wird.  Eine Seite des Beckenkamms ist meist weiter oben bzw. eine Seite weiter unten oder einfach gesagt das Becken in einem Schiefstand. Die Gründe dafür können sehr zahlreich sein und werden auf den ersten Blick nur sehr schwer ausgemacht. Oft ist es aber lediglich eine funktionelle Dysbalance der Rumpfmuskulatur oder Hüftgelenksmuskulatur und kann ohne grossen Aufwand ausgeglichen werden, sofern man weiss wie.

Dies könnt Ihr mit einem Kollegen ohne weiteres feststellen. Stellt den Kollegen mit dem Rücken zugewandt vor Euch hin und kniet Euch hinter ihn auf den Boden. Legt dann beide Hände auf den Beckenkamm, welcher meistens sehr gut zu tasten ist. Nun vergleicht ihr die Höhe Eurer Hände. Ihr werdet feststellen, dass Ihr eine Abweichung von bis zu fünf Zentimetern von der einen zur anderen Seite findet.

Die erwähnte Anwendung solltet Ihr bitte nicht mit den Standardkunden im Fitnesscenter machen, denn dort gehört es nur mit dem nötigen Hintergrundwissen hin. Solltet Ihr aber als Personal Trainer bzw. leitender Fitnesstrainer arbeiten und seid Euch Eurer Sache sicher, so ist dies eine sehr gute Möglichkeit, dem Kunden die Effizienz hinter den noch folgenden Übungen mit dem „Vorher-Nachher“-Effekt zu zeigen.

Tatsache ist, dass sich durch die erwähnte Abweichung eine ungleichmässige Kraftverteilung ergibt und die myofaszialen Einheiten und Zuglinien in den unterschiedlichen Abschnitten beider Seiten nicht gleich belastet werden. Zudem ist es durch diese Position unumgänglich, dass sich eine Krümmung der Wirbelsäule auf der Frontalebene ergibt, womit durch das dreidimensionale Denkmodell der Biomechanik gleichermassen eine Rotation (Transversalebene) und Extension bzw. Flexion (Sagittalebene) zwischen den einzelnen Wirbelsegmenten entsteht. Damit werden die Bandscheiben, Facettengelenke, das Iliosakralgelenk etc. einseitig verteilten Scher-, Druck- und Rotationskräften ausgesetzt, was letztlich zu einer übermässigen Abnutzung und einer entsprechenden Verletzung führen kann.

Es muss dringend ein Umdenken im Warmup stattfinden!

Diese funktionelle Dysbalance könnt Ihr mit der Anfangs erwähnten „Spur“ des Fahrwerks vergleichen. Egal wie schnell und perfekt Ihr das Rennen (Training) nachher bestreitet, es wird unweigerlich zu einer ungleichmässig verteilten Belastung führen.

Mit dieser Tatsache könnt Ihr dem Kunden noch lange einen geraden Rücken instruieren, es wird ihm nicht gelingen. Ganz im Gegenteil, auch wenn dies von aussen für den Ungeübten ohne Tasten oft nicht sichtbar ist, die Abweichung wird sich mit zunehmender Belastung noch verstärken, da sich der Trainierende in diesem Kompensationsmuster vermeintlich „wohl“ fühlt. Es stellt für ihn den aktuell einfachsten Weg dar, Belastungen zu überwinden, sei dies nun im Training oder im Alltag. Was also mit guten Absichten instruiert wird, endet ohne den nötigen Ausgleich irgendwann in einem Desaster. 

Die bereits erwähnten einseitigen Belastungen stellen nur den einen Teil des „Desasters“ dar, der andere Teil liegt in den falsch suggerierten neuromuskulären Funktionen des Bewegungsapparates und somit der Muskel-intelligenz. Egal an welcher Stelle des Bewegungsapparates Ihr die Belastung setzt, durch das Gesetz der Kontinuität wird sich die funktionelle Dysbalance auch bei einer Belastung der Schultermuskulatur in der neuromuskulären Muskelintelligenz festsetzen. Die propriozeptorischen Sensoren des Faszien-Kontinuums, womit wir die Bänder, Sehnen, Gelenks-manschetten etc. meinen, nehmen durch eben dieses Gesetz die feinsten Abweichungen wahr und richten die optimale Kraftentfaltung darauf aus; sie versuchen dieses Muster zu stärken.

Dies macht sich vor allem dann bemerkbar, wenn Ihr den Kunden die Ausgleichsübungen machen lasst, so dass sich die funktionelle Statik der Idealhaltung nähert und er vorübergehend bei gewissen Übungen auf einmal wesentlich weniger Kraft entfalten kann als in seinem „bekannten Muster“.

Wie also können wir nun diese Abweichungen ausgleichen?

Im Modell des Functional Kinetic Coach lehren wir die Studenten, das Training anders aufzuteilen, damit diese Faktoren eben nicht vernachlässigt werden und es nicht zu unnötigen Missverständnissen kommt.

Am Anfang eines jeden Trainings kommen die sogenannten „Pre- Performance Activities & Adjustments“, die so viel bedeutet wie die Aktivitäten bzw. Einstellungen vor dem eigentlichen Training. 

Durch die Differenzierung der „Pre-, Peak- & Re- Performance Metabolism Activities & Senses Adjustments“ sollen unter anderem jene Missverständnisse verhindert werden, welche sehr oft durch die Begrifflichkeiten zustande kommen. So ist der Begriff Warmup irreführend, da er beispielsweise nicht die Notwendigkeit der neuromuskulären Einstellung oder das Zuführen der trainingsspezifischen Nährstoffe beinhaltet. In der Lehre des Functional Kinetic Coach ist die Ernährung, welche wir als „Nutrition Activities“ bezeichnen, ein fester Bestandteil der einzelnen Trainingsphasen. Die „Nutrition Activities“ sind ein ebenso wichtiger Bestandteil der Pre-Performance, wie die „Repair Activities“ bzw. „Repair Adjustments“.

Was anfänglich wie das Aneinanderreihen von ein paar coolen Begriffen klingt, ist einem komplexen und bis ins Detail durchdachten Modell unterstellt. Einmal verstanden, macht es die Betrachtungsweise des Trainings wesentlich einfacher und gibt Antworten auf Fragen mit denen Trainer nach wie vor konfrontiert werden und keine schlüssige Antwort erhalten.

Unter den Repair Activities & Adjustments verstehen wir unter anderem das, worum es bei einem Funktionellen Warmup gehen sollte. Wir wollen die Systeme reparieren und die neuromuskulären Einstellung vornehmen, bevor wir uns der eigentlichen Belastung widmen. Diese Faktoren sind unter dem Begriff „Warmup“ verständlicherweise nicht definiert und für den Trainer somit auch nicht vorstellbar.

Niemand spricht davon, dass wir unsere Systeme zuerst reparieren bzw. einstellen müssen, bevor wir mit der Hauptbelastung starten. Alle sprechen immer nur von Regeneration nach dem Training. Leider ist die aktuelle Situation die, dass die Kunden schon in allen Bereichen deformiert mit dem Training beginnen. Wo bitte, bleibt da die Logik, dass wir dies vorher nicht beheben? Wie schon gesagt; nie im Leben würden wir ein Fahrzeug so auf die Strasse lassen. Jedes Fahrzeug würde sofort aus dem Verkehr gezogen, da es sich selbst (Person) oder sein Umfeld (Gesundheitskosten) schadet. Mittlerweile gibt es glücklicherweise Gerätschaften, wie das „Five“-Konzept, die einen Teil dessen umsetzen, was ich meine, leider aber längst noch nicht alles.

In der nächsten Ausgabe werden wir Euch eine Reihe von Übungen vorstellen, inklusive QR Code zu den Videos, mit welchem Ihr ohne Probleme ein funktionelles Warmup gestalten könnt. Ebenfalls zeigen wir Euch, wie Ihr den Kunden mit einfachen Vorher/Nachher-Tests begeistern könnt.

Ronald Jansen

Geboren: 16. April 1969

Selbstständiger Personal Trainer, anerkannter Therapeut des Fasziendistorsionsmodell nach Typaldos, Dozent bei Academy for 360° Functional Kinetic Coach & Swiss Prävensana Akademie, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Personal Trainer Verbandes, Prüfungsexperte beim Schweizerischen Fitness- und Gesundheitscenter Verband.