Älter werden – Teil 1
6. Dezember 2018

Fitness 4.0 – Die Digitalisierung in der Fitnessbranche

Paul Eigenmann / QualiCert AG

Digitalisierung – Was ist das?

Alles spricht von Digitalisierung als Basis von Industrie 4.0. Das Thema beherrscht gegenwärtig Kongresse, Diskussionen unter den Experten und auch die Branchenmedien. Gemeint ist aber nicht die eigentliche Digitalisierung, also der Wandel von analogen zu digitalen Werten (siehe Abbildung 1). Diese gibt es doch schon seit den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Neu ist, dass die Digitalisierung in Verbindung mit dem Internet die Aufnahme und intelligente, automatisierte Analyse riesiger Datenmengen sowie der Wiedergabe bzw. Nutzung der Ergebnisse dieser Analysen sozusagen in Echtzeit erlaubt. Die daraus entstehenden Möglichkeiten bilden die Basis für die vierte industrielle Revolution, also die Industrie 4.0, die im Englischen nicht ohne Grund „Industrial Internet of Things“ genannt wird.

Abbildung 1: Digitalisierung = Wandlung analoger Werte zu digitalen Werten

Genauso gewaltig wie die Datenmengen und deren Bearbeitung und Nutzung im Rahmen der digitalen Transformation werden die Auswirkungen auf alle Branchen, auf alle Unternehmen, auf die Politik, ja auf das ganze Leben der Menschen sein. Die digitale Transformation erlaubt das, was sich beispielsweise in den folgenden, kurzen und prägnanten Definitionen der Industrie 4.0 niederschlägt:

Fitness 4.0 – Was ist das?

Die Frage, wie diese digitale Transformation im Rahmen von Industrie 4.0 auch die Fitnessbranche verändert, beschäftigt Betreiber von Fitnesscentern, Ausbildungsanbieter und Investoren gleichermassen. Dabei variieren die Sichtweisen der Beurteilung von unreflektiert-enthusiastisch bis skeptisch-abweisend. Angezeigt ist aber eine nüchterne und objektive Analyse, was die ungeahnten und enormen Möglichkeiten der digitalen Transformation für die Fitnessbranche, also für Fitness 4.0 bedeuten könnten.

  • Zu einer objektiven und nüchternen Analyse gehören sicherlich die folgenden vier Punkte:
  • Eine Definition dessen, was das Produkt der Wertschöpfungskette der „Dienstleistung Fitness-training“ ist;
  • Eine Analyse der Tätigkeiten und Beteiligten der Wertschöpfungskette für die „Dienstleistung Fitnesstraining“;
  • Eine Identifizierung jener Tätigkeiten und Beteiligten an der Wertschöpfungskette für die Dienstleistung Fitnesstraining, bei denen eine vernetzte Organisation und Steuerung nach dem Muster von Industrie 4.0 stimmig und sinnvoll erscheint. Analyse des Produktionsprozesses der „Dienstleistung Fitnesstraining“ zur Identifizierung von Einsatzbereichen mit hoher Affinität zu den allgemein erwarteten Anpassungen an die neuen Möglichkeiten;
  • Ein Benchmarking bezüglich digitaler Transformation mit Branchen, welche vergleichbare Dienstleistungen anbieten wie „Fitnesstraining“ und möglicherweise bereits Anpassungen im Sinne von Industrie 4.0 umgesetzt haben.

Abbildung 2: Definition Industrie 4.0

 

Das Produkt der Dienstleistung Fitnesstraining

Was will die Fitnessbranche mit ihrer Dienstleistung denn eigentlich produzieren? Die Antwort auf diese Frage ist auf den ersten Blick simpel: Zufriedene Kunden. Denn zufriedene Kunden werden Kunden bleiben und durch ihre Zufriedenheit auch Kunden werben.

Aber die Antwort ist leider bei weitem komplizierter. Wie allgemein bekannt ist, sind Kunden dann zufrieden, wenn ihre Erwartungen erfüllt und ihre Bedürfnisse befriedigt sind. Allerdings ist an dieser Stelle festzuhalten, dass Kundenerwartungen und Bedürfnisse einerseits nicht so ohne weiteres herauszufinden sind, andererseits heute mit der stetig zunehmenden Zahl an Fitnesskunden auch immer unterschiedlicher werden. Zu den Anfängen der Fitnessbranche in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts war das noch ganz anders. Die Kunden waren ausschliesslich junge Männer und ihr Ziel, ihre Erwartung und ihr Bedürfnis war, stärker zu werden oder stärker auszusehen oder beides.

Immerhin kommt das Produkt der Dienstleistung bei allen Kunden auf die gleiche Art und Weise zu Stande und unterliegt dabei der Wirksamkeitsgleichung. Völlig unabhängig davon, welche Ziele ein Besucher eines Fitnesscenters verfolgt, wenn er oder sie nicht ins Fitnesscenter geht, können diese Ziele auch nicht erreicht werden. Es ist wie mit Sicherheitsgurten: Diese sind sehr wirksam; wenn man sie allerdings nicht anzieht, ist die Gesamtwirkung Null. Ganz egal,

  • ob ein Mann ins Fitnesscenter geht, um schöne Girls anzuschauen und zu treffen, und es im Center auch viele schöne Girls hat;
  • oder ob eine Frau, im Center ein wenig tratschen will, und sie dort garantiert Gleichgesinnte findet;
  • oder ob ein junger Bursche sich Muckis antrainieren will und im Center alles, was das Herz für Trainings begehrt, vorhanden ist;
  • oder ob eine Frau im Center, etwas für Bauch, Beine und Po tun will und das Kursangebot dafür phänomenal ist;

wenn sie nicht hingehen, ist die Wirkung NULL und die Zufriedenheit auch.

Es ist offensichtlich, dass diesbezüglich einerseits möglichst viele und vielseitig gewonnene Informationen zu Bedürfnissen und Zielen der Kunden andererseits in Echtzeit zur Verfügung stehende Informationen zur Situation im Center eine Unterstützung für häufigere und regelmässigere Besuche im Fitnesscenter darstellen könnten. Die Informationen, die vom Kunden gewonnen werden, können genauso mit intelligenten Algorithmen Aufschluss über nicht ausgesprochene Bedürfnisse geben wie bei Booking.com. Und wie bei Amazon könnte ja auf dem Smartphone beispielsweise folgende Mitteilung erscheinen: 17 Kunden mit den gleichen Zielen wie Sie, machen sich gerade auf den Weg ins Fitnesscenter.

Abbildung 3: Die Wirksamkeitsgleichung

 

Das wäre ein klassisches Beispiel für Fitness 4.0. Ob es aber genau in diese Richtung gehen kann und wird, ist Gegenstand weiterer Überlegungen zur Wertschöpfungskette und des Produktionsprozesses in der nächsten Ausgabe der FITNESS TRIBUNE. Diese Überlegungen sind nötig und wichtig; denn so einfach vergleichbar ist Fitnesstraining mit anderen Dienstleistungen nicht. Fitness 4.0 ist „High Tech“, aber das Training für die angestrebten Anpassungen ist „High Touch“; denn man muss sich anstrengen, man schwitzt, man muss sich überwinden…