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Älter werden – Teil 1

In dieser Kolumne geht es um mentales Gewichtheben.
Wahre Fitness trainiert beides, physische als auch psychologische Muskeln. Viel Spass beim neuronalen Schwitzen.

Achtung! Sie werden am Ende dieses Artikels älter sein, als Sie jetzt sind. Warum? Nun, Sie waren noch nie so alt wie gerade jetzt und Sie werden nie mehr so jung sein wie gerade jetzt. Leben heisst zu altern. Das gilt für jedes Lebewesen. Ob Erwachsene(r) oder Baby – alle altern ständig. Punkt. Ausrufezeichen. Wer dieser Wirklichkeit den Rücken kehren will, der soll hier bitte aufhören zu lesen.

Wir leben in einer guten Zeit. Noch nie wurde der Mensch im Durchschnitt so alt wie heute. Noch um 1900 wurde der Mensch im Schnitt 50 Jahre alt. Das haben wir auch der oft gescholtenen Schulmedizin zu verdanken. Unser Gesundheitswesen kann für uns hervorragende Dienste leisten. Und was viele vergessen, viele von uns würden ohne Schulmedizin kaum noch leben.

Gegenüber dem Leben unserer Vorfahren ist unseres also alles andere als kurz. Wir haben viel mehr Lebenszeit als früher. Satte 30 Lebensjahre sind in den letzten 100 Jahren dazu gekommen. Trotzdem beklagen sich viele Leute, dass das Leben (zu) kurz sei und sie keine Zeit hätten. Das Leben ist (zu) kurz? Dann fragen Sie mal einen Hund oder eine Katze. Hier ist bereits nach 10 bis 20 Jahren Schluss.

Nein, unser Leben ist nicht (mehr) kurz. Wir machen es kurz, weil wir verschwenderisch mit der Zeit umgehen. Wenn die Zeit aber kaum geschätzt ist, dann ist die Gefahr gross, dass wir sie an Dinge vergeuden, die belanglos sind. Für ein gelungenes Leben, darf es nicht sein, dass Nebensächliches das Hauptsächliche vertreibt. Unsere Lebenszeit ist unser wertvollstes Gut! Wir sterben täglich, denn jeder Tag mehr ist IMMER auch einen Tag weniger. Unsere beschränkte Haltbarkeit macht uns zu Zeitarbeitern. Deshalb sollten wir alle scharf darüber nachdenken, mit was und mit wem wir unsere Zeit verbringen wollen. Denn es ist nicht die Zeit, die vergeht, sondern wir tun es. Es gibt Leute, die meinen, man müsse im Leben bloss eines: Sterben. Aber ich kann Ihnen versichern, auch das müssen Sie nicht. Die Biologie macht das für Sie. Sie ist perfekt darin. Das Leben ist zu 100 Prozent tödlich.

Ich habe schon in meinen früheren Beiträgen über die dumme Wortkombination Anti-Aging geschrieben. Die ganze Anti-Aging-Branche verspricht etwas, das gegen den Lauf des Lebens ist. Nämlich jünger zu werden. Anti-Aging meint zwar etwas Gutes (Better Aging), sagt aber mit Anti-Aging etwas Schlechtes.

Viele fühlen sich geschmeichelt, wenn sie ihr Alter preisgeben und dann die Aussage hören: „Wow, Du siehst aber gar nicht aus wie 40/50/60“. Betrachtet man aber dieses scheinbare Kompliment in der Tiefe, dann kommt ein hässlicher  Altersrassismus zu Tage. Dieser sagt:  Jung sein ist gut – alt werden oder sein aber nicht.

Vom Stoizismus habe ich eine Metapher übernommen und etwas abgewandelt in die abgebildete Skizze integriert. Auf dieser sehen Sie zwei Hunde. Beide sind an einen Wagen angebunden. Dieser Wagen begibt sich unwiderruflich in eine Richtung. Was können die Hunde nun tun?

Hund A ist von Anti-Aging geblendet und kämpft gegen die Richtung des Wagens an. Dabei wird er Schmerzen erleiden, sich wundscheuern, verausgaben und je mehr er sich anstrengt, desto mehr erleidet er Qualen. Am Ende wird er womöglich bloss noch mitgeschleift werden. Wer ständig auf Jung machen will, der gleicht diesem Hund, der verbissen gegen den Wagen ankämpft. Es ist aber vergeblich gegen die Evolution zu kämpfen. Ob trainieren, operieren, supplementieren oder irgendwelche Geheimrezepte auszuprobieren; nichts, was gegen die Evolution ist, ist von Dauer. Bekriegen Sie nicht den Lauf der Dinge. Sie werden verlieren und dabei ist die Gefahr gross, dass Sie Wertvolles verpassen. Unser Körper zum Beispiel verrät uns nicht, wenn er altert. Er wandert bloss in die gegebene Richtung.

Hund B macht aus derselben Situation etwas ganz anderes. Er folgt dem Wagen, über den er keine Kontrolle hat. Er ermittelt die Aussicht, die er während dieser Zeit erhält. Er bekommt dabei Gelegenheit, die wechselnden Umstände und Umgebungen zu erkunden. Mit dieser Einstellung kann er immer wieder Neues entdecken. Beide Hunde werden am Ende im selben Zustand enden. Doch welcher wird eine zufriedenere, facettenreichere und mehr entkrampfte Lebenszeit haben? Eben! Und nun zu Ihnen: Welcher Hund wollen Sie sein?

Wenn wir davon ausgehen, dass uns ca. 80 Jahre zur Verfügung stehen, dann können wir diese in die vier Jahreszeiten aufteilen. Das ergibt dann pro Abschnitt 20 Jahre (siehe nochmals die Skizze):

Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Jede Saison hat ihre Feinheiten, Schönheiten aber auch ihre Eigenheiten. Die Qualität eines Herbstes ist anders als die eines Frühlings. Doch in allen Jahreszeiten geht jeden Tag die Sonne auf und es gibt in allen auch rauhe Momente. Doch kein Herbst will je ein Frühling sein. Beachten Sie: Wertvoll sind nur die Originale, niemals die Kopien. Das gilt auch für unser saisonales Leben. Manche Junggebliebene  sind – so ist meine Beobachtung – mental bloss stecken geblieben. Ob wir wollen oder nicht; unser Wagen läuft. Der Wagen von der Skizze bzw. die Biologie ist immun gegenüber unseren Gefühlen.

Je älter man wird, desto klarer reift die Einsicht, dass es unklug ist, so zu leben, als würde man immer leben. Das Altern erinnert uns an die eigene Sterblichkeit. Und das ist gut so, denn wenn wir unseren Tod gedanklich wegsperren, dann besteht die Gefahr, dass wir unser Leben mit sinnlosen Dingen verschwenden. Zum Glück leben wir nicht ewig. Würden wir ewig leben, dann wäre alles sinn- und wertlos. Man hätte dann ja ewig Zeit und das Leben wäre eine stumpfsinnige Endlossschleife. Das ist jetzt ganz wichtig: Erst mit der Endlichkeit bekommt unser Handeln einen Sinn und einen Wert. Nochmals – weil es so wichtig ist – achten Sie darauf, was Sie tun und mit wem Sie sich abgeben!

Wir kennen drei Zeitzonen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Leben geschieht aber IMMER nur im Moment. Seien Sie achtsam, bei allem was Sie machen. Wenn Sie zum Beispiel während dem Trainieren von den Seychellen träumen, dann sind Sie weder im Training noch auf den Seychellen. Oder wenn Sie mit den Kindern spielen und ständig ans Geschäft denken, dann sind Sie weder im Geschäft noch bei Ihrer Familie. Tun Sie sich das nicht an. Intensiv leben, ist etwas anderes.

Es gibt viele Menschen, die mit einer Überdosis an Nostalgie die Gegenwart vergiften. Die guten Zeiten müssen keinesfalls die alten sein. Wer ständig in die Vergangenheit oder in die Zukunft sieht, der hat keinen Blick mehr für die Gegenwart bzw. den Moment. Der Moment ist aber die einzige Verbindung, die wir zum Leben haben. Verpassen wir den Moment, dann verpassen wir das Leben.

Unfälle, Krankheiten, Schmerzen und der Tod gehören zum Leben dazu. Statt darüber zu jammern, ist es sinnvoller sich mentale Werkzeuge anzueignen, um mit diesen Lebens-elementen umzugehen. Viele Menschen haben die stupide Vorstellung, dass  ‚schlimme Dinge’ nur anderen passieren. Aber was lässt uns annehmen, dass wir die Lieblinge des Universums sind und davon verschont bleiben? Das ist sehr naiv. Spätestens mit dem Erwachsenwerden haben unsere persönlichen Olympischen Spiele begonnen. Ob Krankheit, Schmerz, Enttäuschung oder andere Schwierigkeiten – wir können diese Herausforderungen als Trainingsübungen für unsere psychologischen Muskeln begreifen. Der Muskel – das weiss jeder FITNESS TRIBUNE-Leser – wächst am Widerstand. Aber auch der Mensch wächst am Widerstand bzw. an den Schwierigkeiten, die jedes Leben begleiten.

Ich wünsche Ihnen ein tolles neues Lebensjahr. Leben Sie ein Leben, das atmet, schwitzt und keucht. Reizvoll, spannend und kontrastreich soll es sein. Denn dann ist es nicht in der Gewöhnung untergegangen. Leben ist so viel mehr als Existieren. Und ja, bitte altern Sie. Es bedeutet, dass Sie am Leben sind.

Teil 2 mit den Vorzügen des Alters folgt in der nächsten Ausgabe.

Eric-Pi Zürcher

War früher über Jahre als Personal Trainer tätig und arbeitet nun beim FC Thun als Konditionstrainer.

E-mail: eric-pi@bluewin.ch